Sichtschutz und Sonnenschutz bei Fenstern im Neubau: Worauf achten und welche Möglichkeiten gibt es?

Christian Schröder Veröffentlicht: 13.08.2026

Aktualisiert: 21.08.2026

POCASIO Redaktion

21.08.2026

Sonnenschutz Fenster

Sonnenschutz gilt beim Neubau oft als Ausstattungsfrage, die man nach dem Einzug klärt. Das ist er nicht. Der sommerliche Wärmeschutz ist nachweispflichtig, und der außenliegende Sonnenschutz ist die Stellschraube, mit der dieser Nachweis überhaupt erst gelingt. Wer ihn wegplant, muss die Fensterfläche verkleinern oder eine thermische Simulation bezahlen.

Der Sichtschutz ist die zweite Hälfte derselben Entscheidung. Beides hängt an denselben Bauteilen, an denselben Leerrohren und am selben Rollladenkasten. Hier stehen die Zahlen, die im Energienachweis auftauchen, und die Details, die spätestens beim Rohbau feststehen müssen.

Sonnenschutz ist Nachweispflicht, nicht Komfort

Seit dem 29. Juli 2026 gilt das Gebäudemodernisierungsgesetz (GModG), das das Gebäudeenergiegesetz abgelöst hat. § 14 verlangt für jeden Neubau einen ausreichenden baulichen sommerlichen Wärmeschutz. Nachgewiesen wird das nach DIN 4108-2, und zwar nicht fürs ganze Haus, sondern für den kritischen Raum, also meist das Wohnzimmer mit der großen Südwestverglasung oder das Kinderzimmer unterm Dach.

Es gibt zwei Wege und eine Ausnahme:

  • Das Sonneneintragskennwertverfahren nach Abschnitt 8.3. Der vorhandene Kennwert aus Fensterfläche, g-Wert und Fc-Wert wird gegen einen zulässigen Wert gestellt, der von Sommerklimaregion, Bauart, Fensterflächenanteil und Nachtlüftung abhängt.
  • Die thermische Gebäudesimulation nach Abschnitt 8.4. Bewertungsgröße sind Übertemperaturgradstunden, für Wohngebäude liegt der Grenzwert bei 1.200 Kelvinstunden über 25 °C. Aufwendiger, aber bei hohem Glasanteil oft der einzige Weg, der zum Bestehen führt.
  • Die Ausnahme für Ein- und Zweifamilienhäuser: Der Nachweis kann entfallen, wenn der kritische Raum einen grundflächenbezogenen Fensterflächenanteil von 35 Prozent nicht überschreitet und die Fenster nach Osten, Süden und Westen einen außenliegenden Sonnenschutz mit Fc ≤ 0,30 haben.

Diese dritte Zeile ist der eigentliche Grund, warum du den Sonnenschutz vor dem Bauantrag entscheiden musst und nicht danach. Raffstores an Ost-, Süd- und Westfenstern ersparen dir unter Umständen den kompletten Nachweis.

Die zwei Zahlen: g-Wert und Fc-Wert

Der g-Wert beschreibt, wie viel Sonnenenergie die Verglasung durchlässt. Eine normale Dreifachverglasung liegt bei etwa 0,50, eine Sonnenschutzverglasung bei 0,25 bis 0,35. Der Haken: Ein niedriger g-Wert wirkt das ganze Jahr. Was im Juli hilft, fehlt dir im Januar als solarer Gewinn. Deshalb ist Sonnenschutzglas an Südfenstern selten die erste Wahl, an Ost- und Westfenstern eher.

Der Fc-Wert beschreibt, wie viel davon die Verschattung noch abhält. Fc = 1,0 heißt kein Sonnenschutz, Fc = 0,25 heißt, dass ein Viertel der Energie ankommt. Die Anhaltswerte stehen in Tabelle 7 der DIN 4108-2:

SystemFc (Richtwert)Anmerkung
ohne Sonnenschutz1,00 
innenliegend, dunkel oder transparent0,85 bis 0,90Die Wärme ist bereits im Raum
innenliegend, hell und reflektierend0,65 bis 0,75Besser als nichts, mehr nicht
Markise, nicht parallel zur Scheibe0,50 
Rollladen, ¾ geschlossen0,25 bis 0,30So wird er im Nachweis angesetzt
Raffstore oder Außenjalousie, Lamellen 45°0,25Tageslicht bleibt erhalten
Rollladen vollständig geschlossen0,10 bis 0,15Dann ist der Raum aber dunkel

Daran siehst du zwei Dinge. Erstens den Abstand zwischen innen und außen: Ein helles Innenrollo lässt rund dreimal so viel Wärme in den Raum wie ein Raffstore. Das liegt an der Physik, nicht an der Produktqualität. Was durch die Scheibe ist, ist im Raum, und ein Textil davor wird selbst zum Heizkörper.

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Zweitens: Rollladen und Raffstore nehmen sich physikalisch wenig. Der Rollladen ist nur dann besser, wenn er ganz unten ist, und dann sitzt du im Dunkeln. In der Berechnung wird er deshalb als ¾ geschlossen angesetzt, und damit liegt er gleichauf mit dem Raffstore, der zusätzlich Tageslicht und Sicht nach draußen erhält. Für Wohnräume ist der Raffstore die bessere Wahl, für Schlafräume der Rollladen, weil dort die Verdunkelung erwünscht ist.

Warum Westfenster kritischer sind als Südfenster

Das ist keine Meinung, sondern Geometrie. In Norddeutschland steht die Sonne am 21. Juni mittags rund 60 Grad über dem Horizont. Ein Dachüberstand von einem Meter verschattet bei diesem Winkel etwa 1,7 Meter Fassade darunter, das reicht für ein normal hohes Südfenster fast aus.

Um 18 Uhr im Juli steht dieselbe Sonne im Westen bei etwa 20 Grad. Derselbe Meter Dachüberstand verschattet dann noch rund 36 Zentimeter. Die Nachmittagssonne kommt praktisch waagerecht ins Fenster, und zwar am Ende eines Tages, an dem sich das Haus schon aufgeheizt hat.

Daraus folgen zwei Planungsregeln. Feste Verschattung wie Dachüberstand, Balkon oder Vordach wirkt gut nach Süden und schlecht nach Westen. Und an Westfenstern brauchst du beweglichen, außenliegenden Sonnenschutz, oder du verzichtest dort auf große Glasflächen. Ein bodentiefes Westfenster ohne Raffstore ist die zuverlässigste Methode, sich ein zu warmes Wohnzimmer zu bauen.

Der zweite Hebel neben der Verschattung ist die Nachtlüftung. Sie geht in den zulässigen Sonneneintragskennwert ein, ab einem Luftwechsel von 2 pro Stunde als erhöht, ab 5 als hoch. Praktisch heißt das: Fenster, die sich nachts sicher gekippt lassen, und eine Speichermasse im Haus, die die Kühle bis zum Nachmittag hält. Bei einer Leichtbauweise mit Trockenbau fällt dieser Puffer weitgehend weg, was den Sonnenschutz umso wichtiger macht.

Sichtschutz: was wann funktioniert

In Neubaugebieten stehen die Häuser eng, und was auf dem Lageplan großzügig aussah, ist nach dem Einzug der direkte Blick des Nachbarn ins Schlafzimmer. Die Lösungen unterscheiden sich vor allem darin, ob der Sichtschutz dauerhaft oder schaltbar ist.

  • Satiniertes Glas, umgangssprachlich Milchglas, ist die dauerhafteste Lösung und lässt Tageslicht durch. Für Bad, WC und Hauseingang sinnvoll, überall sonst zu endgültig. Die Entscheidung fällt bei der Fensterbestellung und ist danach nur mit einer neuen Scheibe zu ändern.
  • Plissees sitzen im Glasfalz und lassen sich von oben und von unten fahren. Das ist ihr eigentlicher Vorteil: Du kannst die untere Fensterhälfte abdecken und oben das Licht hereinlassen. Wabenplissees haben zusätzlich eine leichte Dämmwirkung. Als Sonnenschutz sind sie trotzdem innenliegend und damit schwach.
  • Fensterfolien sind günstig und dauerhaft. Sie eignen sich für Situationen, in denen dir eine feste Lösung reicht und satiniertes Glas nicht mehr infrage kommt, weil die Fenster schon drin sind.
  • Rollläden und Raffstores geben dir vollständigen Sichtschutz auf Knopfdruck und erledigen den Sonnenschutz gleich mit. Bei großen Fensterflächen sind sie deshalb meist die wirtschaftlichere Lösung, obwohl sie pro Fenster teurer sind.

Ein Hinweis zu Spiegelfolien, weil dieser Punkt regelmäßig für Ärger sorgt: Sie funktionieren über das Helligkeitsgefälle. Solange es draußen heller ist als drinnen, spiegelt die Außenseite. Sobald du abends das Licht anmachst, dreht sich das Verhältnis um, und dann sitzt du hinter einer Scheibe, durch die man von draußen bequem hineinsieht. Als abendlicher Sichtschutz taugt die Folie nicht, und genau dann brauchst du ihn.

Was Sonnenschutzfolien wirklich leisten

Hier lohnt eine Unterscheidung, die in vielen Produktbeschreibungen untergeht. Außen aufgebrachte Folien reflektieren die Strahlung vor der Scheibe und wirken damit wie ein schwacher außenliegender Sonnenschutz. Innen aufgeklebte Folien sitzen hinter dem Glas. Die Energie ist zu diesem Zeitpunkt bereits im Raum, die Folie wandelt sie in Wärmestrahlung um und gibt einen Teil davon nach innen ab. Der Effekt ist deutlich kleiner, als die Werbeaussagen vermuten lassen.

Im Bestand, wo sich außen nichts anbringen lässt, sind Folien eine vernünftige Notlösung. Im Neubau haben sie einen anderen, härteren Nachteil: Sie tauchen in Tabelle 7 der DIN 4108-2 nicht auf. Für den Nachweis des sommerlichen Wärmeschutzes bringen sie dir damit nichts. Wer die 35-Prozent-Ausnahme nutzen will, braucht ein fest installiertes, außenliegendes System.

Was in der Rohbauphase entschieden wird

Vier Dinge stehen fest, bevor der Putz drauf ist, und lassen sich danach nur mit erheblichem Aufwand ändern.

  1. Die Bauform des Kastens. Ein Aufsatzrollladenkasten sitzt auf dem Fensterrahmen und ist von innen zugänglich, ein Vorbaukasten liegt außen vor der Fassade und wird überputzt oder gedämmt. Beides muss beim Rohbaumaß der Fensteröffnung berücksichtigt sein, weil der Kasten Höhe frisst.
  2. Die Dämmung des Kastens. Ein Rollladenkasten ist eine Wärmebrücke über die volle Fensterbreite, direkt über dem Aufenthaltsbereich. Im GModG wird er ausdrücklich als Einbau in die Außenwand mitgerechnet. Lass dir zeigen, wie der Anschluss an die Dämmebene und an die Luftdichtheitsebene aussieht.
  3. Die Elektroleitungen. Motorantriebe, Windwächter und die Anbindung an die Haussteuerung brauchen Strom und teilweise Bus-Leitungen. Nachrüsten heißt Kabelkanal oder Funkmotor mit Batterie. Leg die Leitungen auch dort, wo du heute noch keinen Antrieb planst, ein Leerrohr kostet fast nichts.
  4. Der Windwächter bei Raffstores. Lamellen sind windempfindlich, und ohne automatische Einfahrsteuerung schließt der Hersteller Sturmschäden regelmäßig aus. Bei elektrischen Anlagen gehört der Sensor in die Ausschreibung.

Kosten

Die Spanne pro Fenster ist groß, weil Größe, Antrieb und Steuerung stark variieren. Die folgenden Werte sind Durchschnitte für den Neubau.

SystemKosten pro Fenster
Innenplissee80 bis 250 €
Innenjalousie100 bis 300 €
Rollladen, manuell400 bis 800 €
Rollladen, elektrisch700 bis 1.500 €
Raffstore, elektrisch900 bis 2.000 €
Screen-Anlage1.000 bis 2.500 €

Beispiel: elektrische Raffstores im Einfamilienhaus

  • 12 Fenster mit Raffstore à 1.100 € = 13.200 €
  • 3 große Schiebeelemente à 2.200 € = 6.600 €
  • Steuerung und Anbindung ans Smart Home = 2.500 €

Summe rund 22.300 € für den Sonnenschutz allein, ohne die Fenster selbst. Die drei großen Elemente treiben den Betrag über das, was bei zwölf normalen Fenstern anfallen würde. Wenn dein Budget das nicht hergibt, ist die sinnvolle Reihenfolge klar: außenliegender Sonnenschutz zuerst an den West- und Südfenstern der Wohnräume, dann die Schlafzimmer, zuletzt Norden und Nebenräume. Ein halbes Haus mit Raffstores ist besser als ein ganzes Haus mit Innenplissees.

Förderung

Für den Neubau gibt es keinen eigenen Zuschuss für Sonnenschutz. Die BEG-Einzelmaßnahmen, in denen außenliegende Systeme mit Steuerung förderfähig sind, gelten für Bestandsgebäude.

Indirekt wirkt der Sonnenschutz trotzdem auf deine Förderung: Der sommerliche Wärmeschutz ist Voraussetzung für den Energienachweis, und ohne bestandenen Nachweis gibt es keine Effizienzhaus-Bestätigung. Regionale Programme einzelner Länder und Kommunen fördern teilweise automatisierte Verschattung, das ist aber ein Flickenteppich. Frag konkret bei deiner Kommune nach, allgemeine Aussagen dazu helfen dir nicht.

Die häufigsten Fehler

  1. Den Sonnenschutz nach dem Einzug planen. Dann ist der Rollladenkasten nicht vorhanden, die Leitung fehlt, und du landest bei innenliegenden Lösungen mit dem dreifachen Fc-Wert.
  2. Das große Westfenster ohne bewegliche Verschattung. Der Dachüberstand hilft dort nicht.
  3. Sonnenschutzglas als Ersatz für Verschattung an der Südseite. Es senkt auch die Wintergewinne, und das ganze Jahr.
  4. Nur die Wohnräume ausstatten. Ein Kinderzimmer unterm Dach nach Westen ist häufig der kritische Raum im Nachweis.
  5. Beim Raffstore am Windwächter sparen. Der erste Sommersturm kostet mehr als der Sensor.

Wie du entscheidest

Bring den Sonnenschutz in das Gespräch mit deinem Energieberater, bevor der Bauantrag rausgeht. Die Frage lautet nicht „welches System gefällt mir“, sondern: Wie sieht der Nachweis des sommerlichen Wärmeschutzes für den kritischen Raum aus, und was ändert sich daran, wenn ich außenliegende Verschattung an Ost, Süd und West setze? Die Antwort entscheidet über Fensterflächen, Glasqualität und Budget gleichzeitig.

Für den Regelfall heißt das beim Hausbau: Raffstores an den Wohnräumen nach Süden und Westen, Rollläden an den Schlafzimmern, innenliegende Lösungen dort, wo es nur um Sichtschutz geht. Und Leerrohre an jedes Fenster, auch an die, bei denen du dir heute sicher bist, dass du dort nie einen Motor brauchst.

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